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Ouya: 3 Gründe für den Erfolg der Android-Spielkonsole, 3 dagegen


12.07.2012, 22:10 Uhr

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Für die tagesWEBschau wurden wir heute nach unserer Meinung zu Ouya gefragt, einer preiswerten Spielkonsole mit Android, die in der Welt der Gadget-Blogs und Techmagazine derzeit Furore macht. Aber wird die Konsole auch ein Erfolg? Ambivalent, wie wir nun einmal sind, präsentieren wir drei Gründe, die für das 99 Dollar-Gerät sprechen – und drei dagegen.

99 Dollar für eine Android-Spielkonsole mit Tegra 3-Innenleben, mittlerweile 4 Millionen Dollar Rekord-Crowdfunding bei Kickstarter, massives Medieninteresse. Die Spielkonsole Ouya war uns am Donnerstag letzter Woche nur eine Randnotiz wert, hat sich in der Zwischenzeit aber zu einem Phänomen gewandelt, das weit über die Fachmedien hinaus diskutiert wird. Im Folgenden werden wir näher beleuchten, warum Ouya das Zeug zum Hit hat, warum Ouya anderseits aber auch erbarmungslos zum Scheitern verurteilt ist.

Pro Ouya: Kompatibilität und „Hackbarkeit“

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Ouya basiert im Kern auf Android 4.0, das wiederum auf dem Linux-Kernel 3.x fußt. Das heißt: Die der Software zugrunde liegende Linux-Architektur bewirkt, dass Android von Haus aus breite Unterstützung für eine große Auswahl an Hardware genießt. Wer will und wem der mit Touchpad ausgestattete Controller nicht ausreicht, könnte an seine Konsole also theoretisch auch eine Tastatur, Maus, eine Wiimote, Pads von Xbox und PS3 anschließen – nur das Spiel muss die entsprechende Eingabemethode unterstützen. So variabel war bislang keine Spielkonsole.

Ein weiterer Punkt ist, dass sowohl Hardware als auch Software von Ouya komplett offen sind. Jeder Käufer erhält ein Development Kit; wer die Baupläne haben möchte, bekommt sie im Netz und kann die Konsole nach eigenem Gusto modifizieren. Wer also ein Floppy-Laufwerk an Ouya anlöten möchte und weiß wie man das anstellt, kann das machen – kein chiffrierter Bootloader oder irgendwie anders gelagerter Sicherheitsmechanismus wird ihn daran hindern. Aber auch Software-Entwickler können für Ouya ohne Hürden entwickeln und das Gerät mithilfe von Apps beispielsweise in einen Mediastreamer weiterentwickeln.

Pro Ouya: Die Personen dahinter

Hinter Ouya versammeln sich illustre Namen. Entworfen wird Ouya von Yves Béhar, ein hochdekorierter Industriedesigner, der schon den ersten One Laptop per Child-Laptop OLPC-XO-1 und die JAWBONE-Bluetooth-Headsets entworfen hat. Auch Ed Fries ist beratend an Bord, der Vice President in Microsofts Game-Sparte zu Zeiten der ersten Xbox war, ebenso Amol Sarva vom gescheiterten E-Mail-Handheld Peek und Peter Pham von Color. Muffi Ghadiali aus der geheimen Entwicklungsabteilung Lab126 von Amazon, die den Kindle entworfen hat, ist ebenfalls dabei, Julie Uhrman von IGN fungiert als CEO. Diese nicht unerhebliche (Wo)Manpower und akkumulierte Industrieerfahrung dürfte dafür sorgen, dass Ouya kein Konzept ist, das in drei Monaten wieder in der Schublade verschwunden ist.

Pro Ouya: Der Preis

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99 Dollar, in Deutschland dann wahrscheinlich 99 Euro, sind ein sehr geringer Preis für solche Hardware. Die zweistellige Summe ist dabei psychologisch sehr wichtig, denn eine solche gibt man deutlich bereitwilliger aus, selbst wenn man nicht unbedingt zu hundert Prozent überzeugt von einem Produkt ist. Ein reddit-Nutzer formuliert es so:

Ich habe auch schon 100 Dollar für dumme Sachen ausgegeben, aber das hier macht tatsächlich einen coolen Eindruck.

Für 100 US-Dollar spielt das Gerät preislich in derselben Liga wie Apple TV und Google TV und ist dabei eine deutlich preiswertere Alternative zum Nexus Q. Dank der oben erwähnten Hackbarkeit dürften zumindest Geeks die Funktionalität dieser Geräte leicht nachrüsten können.

Contra Ouya: Macht diese Hardware eine Spielkonsole?

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Ouya wirbt mit einem großflächigen Screenshots von Canabalt für sich. Dieses war ursprünglich ein Flashspiel im Browser, als Portierung aber auch unter iOS und Android erfolgreich – weil Canabalt ein sofort verständliches Geschicklichkeitsspiel ist, das man mit zwei Tasten spielen kann und das auf nahezu jedem Smartphone läuft. Hier zeigt sich ein Dilemma: Funktionieren Casual Games auf dem großen Bildschirm? Ich sage nein, denn ich wäre wohl schnell gelangweilt von einem Spiel mit diesem Komplexitätsgrad.

Problematisch sind aber auch „Knüllerspiele“, die auf mobilen Plattformen wie Android und iOS glänzen – lassen sich diese visuell auch auf dem Flachbild-Fernseher im Wohnzimmer genießen? Anders gefragt: Sieht Shadowgun auch auf 42-Zoll-Displays noch gut aus, die sonst Crysis und Call of Duty 37 abbilden? Die Antwort lautet nein. Die in Ouya tickende Tegra 3-Plattform mag potent sein, potent allerdings für ein mobiles SoC. Die Konsolen-Senioren Xbox 360 und PlayStation 3 sind Ouya dank optimierter Engines und dezidierter Grafikprozessoren immer noch Lichtjahre voraus.

Contra Ouya: Die Alternative in der Hosentasche

Das Konzept von Ouya ist zwar neu, im Grunde können heute aber schon viele Nutzer dessen Funktionalität mit ihrem Android-Smartphone imitieren – dank Android 4.x, USB-Host, Bluetooth und HDMI-Out lassen sich bereits jetzt reguläre Smartphones und Tablets zu einem Home-Entertainment-System wandeln – mitsamt der Möglichkeit, Games in 1080p auf dem Fernseher zu spielen. Angesichts der aktuell rasenden technischen Entwicklung ist abzusehen, dass die Top-Androiden von heute die Mittelklasse vom nächstem Jahr sind und die Auslaufmodelle vom übernächsten Jahr. Ohne ein gutes Ökosystem und Alleinstellungsmerkmale gegenüber anderen Androiden ist Ouya Ende 2013 hoffnungslos veraltet.

Contra Ouya: Kampf der Ökosysteme

Zugegeben, Ouya ist in Sachen Hardware verlockend, zumindest wenn man deren Preis ins Verhältnis zu aktuellen Smartphones mit ähnlicher Hardware setzt. Kein Wunder, dass einige größere Indie-Gamestudios wie Madfinger (Shadowgun, Samurai 2: Vengeance) bereits an Bord sind und auch Notch von Mojang (Minecraft) bereits Interesse signalisiert hat. Das hat aber auch viel mit dem Hype in den Medien zu tun. Ja, wir sind ein Teil davon.

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Wie soll ein Ökosystem aussehen, das Ouya als Plattform trägt, wenn der Hype verklungen ist? Sehen wir es mal aus dieser Perspektive: Kein Entwickler von Android-Apps kann es sich leisten, eine App exklusiv für Ouya zu bringen, nahezu alle Spiele werden also auch im Google Play Store erscheinen. Aber wie ist es umgekehrt? Dass Ouya eine Zertifizierung von Google und damit Zugang zum Play Store erhält, bezweifeln wir nämlich.

Enorm wichtig wäre, dass Ouya eine kritische Masse an professionellen Spieleentwicklern anzieht, die ihre Anwendungen für den Android-Würfel anbieten. Bei kleinen Entwicklern könnte das klappen, allerdings werden die meisten Spiele Portierungen vom Smartphone oder Tablet sein – die am TV oftmals schlechter zu steuern und für ein mehr-als-nur-zwischendurch-Spiel in Sachen Umfang und Gameplay zu unterdimensioniert sind. Ohne Qualitätssicherung werden viele dieser Spiele auch eher schlecht sein – wenngleich das bei einem großen Spieleangebot und einem guten Bewertungssystem noch abfangbar wäre.

Ob Ouya hingegen große Publisher wie Ubisoft oder Electronic Arts mit Premium-Titeln für sich gewinnen kann, ist zu bezweifeln, denn dafür steht die per Statut hackbare Konsole illegalen Spielekopien viel zu agnostisch gegenüber. Die Kollegen von Gameloft stehen Experimenten traditionell offener gegenüber, das von den Franzosen zuletzt forcierte Modell der Free-to-Play-Games mit In-App-Käufen allein dürfte aber nicht tragen, denn für ernsthafte Spieler stellt dieses zu einem Großteil immer noch ein Ärgernis dar. Löblichen Ausnahmen wie den PC-Titeln Team Fortress 2 und League of Legends zum Trotze. Kurzum: Wie sich Ouya dauerhaft finanzieren will, steht noch in den Sternen.

Fazit: Kein Fazit

Wir wissen nicht, ob sich Ouya durchsetzen kann, auch wenn das Konzept spannend klingt und Kickstarter-Backer wie Medien dem Ansatz einer deutlich freieren Konsole Respekt zollen. Festhalten lässt sich allerdings bereits jetzt, dass Ouya Interesse weckt, ja sogar Begierde. Offenbar gibt es ein Bedürfnis nach einer Gaming-Plattform, die offener ist als alles, was bisher da war. Und Offenheit heißt eben auch, dass man mit Ouya am Ende vermutlich weit mehr machen kann als mit jeder anderen Spielkonsole. Cool ist Ouya, keine Frage. Die Frage ist, ob dahinter ein Business steckt.

Pro oder Contra – welche Argumente erscheinen euch stichhaltiger? Haben wir etwas vergessen? Eure Meinungen in die Kommentare.

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