Artikel empfehlen

Google Maps: Wie Information und Realität verschmelzen


08.09.2012, 11:46 Uhr

google-maps-logo-artikelbild

Google Maps ist neben Gmail der wohl meistgenutzte Dienst des Unternehmens aus Mountain View. Nun öffnete die für den Kartendienst verantwortliche Abteilung erstmals ihre Türen und gewährte außenstehenden Einblicke in die Prozesse, die zum Erstellen der detaillierten, interaktiven Karten nötig sind.

Im Alltag nutzen wir viele Anwendungen schon automatisch, ohne einen Gedanken an die zugrunde liegenden Mechanismen zu verschwenden. Eine solche Anwendung, die sowohl am Rechner als auch auf Smartphones fast täglich zum Einsatz kommt, ist Google Maps. Was auf den ersten Blick wie die digitale Version einer einfachen Landkarte aussieht, besteht aus zahlreichen Ebenen an Informationen, die aus verschiedensten Quellen zusammengetragen werden. Dass dieser Prozess weit weniger automatisiert ist, als man glauben mag und sehr viel manuelle Arbeit benötigt, zeigt der Bericht des Magazins „The Atlantic“, das exklusiven Zutritt zum Büro des Projekts Ground Truth erhielt.

Die Grundlage eines jeden Kartenausschnitts bilden die Satellitenaufnahmen des Gebiets, welche je nach Gebiet von verschiedenen externen Unternehmen gekauft werden. Meist von staatlichen Behörden stammen Informationen über das Straßennetz der jeweiligen Region. Legt man diese beiden Ebenen übereinander, so werden erste Diskrepanzen sichtbar. Aber auch verschiedene Zeitpunkte der Datenerhebung sorgen für Unstimmigkeiten. Wird beispielsweise eine Kreuzung durch einen Kreisverkehr ersetzt, so muss zunächst neueres Kartenmaterial beschafft und der Straßenverlauf in Handarbeit angepasst werden.

Für über 30 Länder weltweit ist inzwischen auch die Navigation mit Google Maps möglich, sowohl für Autos als auch vereinzelt für Fahrräder. Diese stellt die Entwickler vor neue Herausforderungen, denn jede Karte muss nun über Metainformationen des Straßenverlaufs verfügen, um den Fahrer nicht beispielsweise in falscher Richtung durch eine Einbahnstraße zu führen. Damit an jeder Kreuzung nur die korrekten Abbiegemöglichkeiten angeboten werden, wird bislang ebenfalls auf Informationen der Verkehrsbehörden zurückgegriffen.

Seit dem Start von Google Street View im Jahr 2007 stehen dem Maps-Team Informationen sozusagen aus erster Hand zur Verfügung. Bei ihren Fahrten durch die Straßen dieser Welt sammeln die Street View Cars nämlich weit mehr Informationen als nur die Fotos, die später zum Beispiel zum digitalen Spaziergang durch New York einladen: Neben der Verifizierung der Straßenverläufe durch GPS-Ortung während der Fahrt bieten die aufgenommenen Fotos der Straßen und Häuserfronten weitere wertvolle Informationen. Google hat Logos von über 6 Millionen großen Handelsketten und Unternehmen in einer Datenbank gespeichert. Taucht ein solches Logo auf einem Street View-Foto auf, wird automatisch der Standpunkt des Unternehmens auf der Karte eingetragen. Doch damit nicht genug: Google arbeitet an verbesserten Methoden der Schriftzeichenerkennung (OCR), mittels derer in Zukunft Informationen fotografierter Verkehrsschilder direkt in Google Maps integriert werden sollen.

Ein letzter nicht zu unterschätzender Faktor ist die Beteiligung des Nutzers. Um Detailinformationen über viele Gegenden zu erhalten, ist Google darauf angewiesen, dass User Ladengeschäfte, Sehenswürdigkeiten aber auch Änderungen im Straßenverlauf und Bauarbeiten mittels des Map Maker-Tools markieren und das Team darauf aufmerksam machen. Schon beim Konkurrenten Open Streetmap zeigte dieses benutzerbasierte Verfahren sein volles Potenzial.

So groß der Vorteil einer bis ins Detail kartografierten Erde auf den ersten Blick auch erscheinen mag, so beständig ist auch sein orwellscher Beigeschmack: Ist es wirklich erstrebenswert, keinen Rückzugsort vor dieser komplett offengelegten Welt zu haben? Und welche Gefahren drohen durch Manipulation, sobald man sich auf die virtuelle Repräsentation seiner Umwelt verlässt? Noch kann dies jeder für sich selbst entscheiden.

Quelle: The Atlantic

Bewerte diesen Artikel
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Ø 4.77 von 5 - 13 Bewertung(en)
Loading ...
Folge androidnext auf Facebook

Verwandte Artikel