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Android 4.2: Warum der neue Lockscreen abgeschafft gehört [Meinung]


24.01.2013, 12:30 Uhr

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Im Wettlauf um immer mehr Features überbieten sich Hersteller von Android-Hardware, aber auch Google selbst, mit Funktionen, die niemand braucht. Besonders deutlich zeigt sich das am Lockscreen: Immer mehr Informationen, Funktionalitäten und Anpassungsmöglichkeiten lassen dessen Kernfunktionen erodieren, seit Android 4.2 ist der Lockscreen schließlich sogar ein zweiter Homescreen. Das geht zu weit!

Kurzer historischer Exkurs: Die Tradition des Lockscreens reicht zurück in die Anfangszeit der Feature-Phones: Um in der Hand- oder Hosentasche nicht durch zufällige Tastendrücke versehentlich Anrufe auszulösen, konnte man das Gerät erst wieder nutzbar machen, wenn eine Tastenkombination eingegeben oder eine bestimmte einzelne Taste länger gedrückt wurde – simpel, aber effektiv. Gut, dass sich diese geniale Idee niemand hat patentieren lassen.

Mit dem Aufkommen moderner Smartphones, insbesondere solcher mit kapazitiven Touchscreens, wanderten die Entsperrfunktionen von der Hardware in die Software über: Fortan musste der Nutzer nach dem Druck auf eine der (deutlich weniger gewordenen) Hardwaretasten bestimmte Muster auf dem eingeschalteten Touch-Display wischen. Dies sah nicht nur eleganter aus, es bewirkte auch, dass die Hersteller nach einigen Jahren begannen, den Lockscreen mit weiteren Funktionen anzureichern.

htc sense lockscreens 2.1 vs 3.0
HTC Sense – links: Version 2.1, noch ohne Schnellstarter für Apps. Rechts: Version 3 mit Shortcut-Ringmenü (Bild: Wikipedia)

Anfangs war es nur die Möglichkeit, den Ton auszuschalten. Seit HTC 2011 mit Sense 3.0 die Möglichkeit integrierte, Apps direkt vom Lockscreen zu starten, fingen die Hersteller plötzlich an, sich in Sachen Lockscreen-Funktionalität zu überbieten: Zum — durchaus sinnvollen — Schnellstarter für die Kamera-App gesellten sich alsbald frei konfigurierbare App-Verknüpfungen und immer mehr Informationen hinzu: Egal ob großflächige Anzeigen von Datum und Uhrzeit, Wetterinfos, Börsenkurse, Steuerungselemente für Audio-Player oder aktuelle Nachrichten — immer mehr Informationen und Optionen, die früher Widgets vorbehalten waren, sind seit 2012 in diversen Herstelleroberflächen auch auf dem Lockscreen zu finden. Auch Google spielte mit und erweiterte Stock-Android in Version 4.0 mit der Option, nicht nur die Kamera direkt zu starten, sondern auch um den Zugriff auf die Benachrichtigungsleiste.

Waren all diese Entwicklungen in gewissem Rahmen noch vertretbar, hat Google mit Android 4.2 zu einer vollständigen Erosion des Lockscreen-Konzepts beigetragen, indem es das Widget-Framework auf den Lockscreen ausdehnte. Hugo Barra erklärt es in diesem Hausbesuch-Video beim Android-Team von The Verge (ab Minute 2:03):

Seit Android 4.2 kann man auf dem Lockscreen verschiedene Widgets ablegen, etwa für Termine oder eingehende E-Mails. Außerdem kann man weitere Lockscreen-Seiten für noch mehr Widgets anlegen und durch diese durchscrollen. Schließlich findet auch die Konfiguration des Lockscreens selbst über den Lockscreen statt.

Mein großes Problem: Ich verstehe den Sinn hinter dieser Funktionalität nicht. Noch mehr: Ich finde sie kontraproduktiv und kontraintuitiv. Warum sollte ich durch mehrere Lockscreen-Seiten durchwischen, wenn doch auch mein normaler Homescreen nur eine Fingerbewegung entfernt ist? Warum sollte ich private Informationen auf dem Lockscreen platzieren, wo sie für jeden neugierigen Nachbarn direkt einsehbar sind?

Anders formuliert: Weshalb sollte der Lockscreen zu einem zweiten Homescreen werden? Für mich ist das Irrsinn. Ich will keine Termine auf dem Lockscreen. Ich will keine Mails dort lesen. Ich will meinen Lockscreen auch nicht bis ins Detail anpassen können. Ich will, dass mein Lockscreen eine Bildschirmsperre ist, nicht mehr und nicht weniger — für alles weitere entsperre ich den Screen eben. Wenn ich keine Bildschirmsperre brauche, schalte ich sie eben ab.

Nicht falsch verstehen, dies ist keine Kritik am Widget-Konzept. Ich halte Widgets für eine der größten Stärken von Android. Bloß ist eine Trennung von Lockscreen und Homescreen sinnvoll, deren Verwässerung durch Lockscreen ein Fehler. Natürlich kann man argumentieren, dass niemand gezwungen wird, seinen Lockscreen mit Widgets zu bestücken und Anpassbarkeit ja schließlich eine der Stärken von Android ist. Dem würde ich nicht widersprechen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen sinnvollen Anpassungsmöglichkeiten und Feature Bloat. Mit dem Android 4.2-Lockscreen hat Google diese Grenze überschritten. Das Problem daran ist, dass so die User Experience zerfasert. Insbesondere Android-Einsteiger sind verwirrt: „Wo bin ich jetzt eigentlich gerade?“ „Wo habe ich mein Kalender-Widget abgelegt?“ „Wie komme ich in meine Apps?“ „Kann jetzt jeder meine Termine sehen?“

Aber auch für Power-User birgt ein überfunktionalisierter Lockscreen Probleme, wie wir beim Test des Nexus 10 festgestellt haben. Denn auf Tablets mit Android 4.2 ist eine neue Funktion exklusiv auf den Sperrbildschirm ausgelagert: Der Wechsel zwischen mehreren Nutzern. Seit Android 4.0 kann man aber auch (optional) sein Gerät mit seinem Gesicht per Frontkamera entsperren. So spart man sich in den meisten Fällen die notwendige Fingerwischbewegung und wenn sie gut funktioniert, klappt ein solcher Face Unlock-Funktion im Bruchteil einer Sekunde. Problem: So schnell kann man oft gar nicht den anderen Benutzer auswählen. Hat man Face Unlock und Multi-User kombiniert aktiviert, muss man also peinlich genau darauf achten, dass das eigene Gesicht nicht von der Frontkamera zu sehen ist, wenn man einen anderen Nutzer auswählt. Das ist absurd.

An diesem Beispiel, in dem ursprüngliche Intention vom und neue Funktionalität auf dem Lockscreen kollidieren, zeigt sich der eigentliche Konflikt, die Frage um das Paradigma des Lockscreen: Sollte er auf seine ursprüngliche Funktion reduziert bleiben — die Bildschirmsperre, hier repräsentiert von der durchaus sinnvollen Face Unlock-Funktion? Oder sollte sie mit Funktionen angereichert werden, die eigentlich auf den Homescreen gehören, so wie etwa die Nutzer-Auswahl?

Ich spreche mich für erstere Antwort aus und dafür dass Google die Änderungen am Lockscreen in Android 4.2 zurücknimmt. Ein Lockscreen muss und sollte kein zweiter Homescreen sein; es reicht, wenn er mich von ungewollten Anrufen in Kambodscha, vor „viefbvhobovikbvrh“-Postings bei Facebook und massenweise Fotos meiner unbeleuchteten Hoseninnentasche beschützt. Lasst den Lockscreen endlich wieder Lockscreen sein — Danke!

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