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One Laptop per Child: Wenn äthiopische Kinder wie Äffchen dargestellt werden [Kommentar]


02.11.2012, 16:05 Uhr

Ethiopia-Tabs

Eine vordergründig so erstaunliche wie herzerwärmende Geschichte geistert aktuell durch die internationalen und hiesigen Tech-Medien: Die Organisation One Laptop Per Child (OLPC) hat sich der Aufgabe verschrieben, Kinder in Ländern der Dritten Welt zu Lernzwecken mit Laptops und Tablets zu versorgen. In einem „Experiment“ wurden Tablets an Kinder im Erstklässler-Alter in zwei äthiopischen Dörfern ausgegeben — mit augenscheinlich beeindruckenden Ergebnissen. Binnen kürzester Zeit hätten sich die Kinder ohne technisches Hintergrundwissen die Bedienung der Geräte angeeignet. Leider scheint die ganze Geschichte bei genauerer Betrachtung aber reichlich dubios und strotzt zudem vor Kolonialherren-Attitüde.

Gerade für Tech-Redakteure ist es stets heikel, wenn sie über sozio-politische Themen schreiben. Umso mehr, wenn es dabei um tragische oder dramatische Situationen und Vorgänge geht; uns fehlt zu oft schlicht das fundierte Hintergrundwissen — so ehrlich sollten wir zu uns selber sein, wenn wir uns an derartige Meldung heranwagen. Wir bei androidnext haben in der Vergangenheit solche Themen, wie zum Beispiel hier, nur sehr vorsichtig und nach reiflicher Überlegung angefasst. Das soll nicht heißen, dass die Tech-Redaktionen der Welt um relevante Meldungen zu Themen wie Krieg, Hunger, Flüchtlinge, Armut und so weiter per se einen Bogen machen sollten; sie sollten diese nur mit deutlich mehr Fingerspitzengefühl und Reflektiertheit angehen, als dies im aktuellen Fall um eine Initiative der OLPC-Organisation in Äthiopien geschehen ist.

Tablets als Mittel zur Autodidaktik

Nicholas Negroponte, Vorsitzender der OLPC-Foundation, hatte am 13. September einen Gastartikel im anerkannten MIT Technology Review veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie seine (gelegentlich kritisierte) Organisation Kindern zweier äthiopischer Dörfer mit zahlreichen Apps bestückte Tablets ohne schriftliche oder personelle Anleitung zur Verfügung gestellt hat. Zweck: Zu beobachten, wie diese Kinder, die bisher natürlich keine Berührungspunkte mit derartiger Technik hatten, damit umgehen und ob sie damit eigenständig lernen würden. Weiter beschreibt er, dass die Kinder innerhalb weniger Minuten die Geräte ausgepackt und hochgefahren hätten und schon nach ein paar Wochen im Schnitt 47 Apps nutzten und damit fleißig Buchstabieren übten — zweifelsohne beeindruckend. Negropontes Fazit: Wenn Kinder mit Tablets lesen lernen können, dann können sie somit auch lesen, um zu lernen; und sollten sie mittels der Tablets in 18 Monaten das Lese-Level eines Drittklässers erreicht haben, wäre das phänomenal. So weit, so gut.

Kinder als Äffchen

Problematisch wird die Darstellung des obigen Experiments in einem späteren Artikel, den David Talbot am Montag ebenfalls im MIT Technology Review veröffentlicht hat, in dem die Aktion erneut und detaillierter, oder besser gesagt: ausgeschmückter beschrieben wird. Dabei wird stets Nicholas Negroponte als Zitatgeber herangezogen. Diese erklärt zunächst, dass die betreffenden Kinder in den beiden Dörfern Wonchi und Wolonchete noch nie Druckwerk, Straßenschilder oder bedruckte Verpackungen gesehen hätten. Und weiter: „Ich hätte erwartet, dass die Kinder mit den Kartons spielen, stattdessen hat eines es innerhalb von vier Minuten nicht nur geschafft, den Karton zu öffnen, sondern sogar den Power-Knopf zu finden und das Gerät hochzufahren.“ Diese Aussagen kommen aus einer Präsentation auf der EmTech-Konferenz vor rund einer Woche, hier im Video ab 1:09:20 zu hören:

Wir sind ziemlich irritiert — denn die Rede ist wohlgemerkt von menschlichen Kindern, nicht etwa von Affen. Hat Herr Negroponte wirklich erwartet, dass die Kinder mit dem Karton spielen würden, so wie es meine Katzen zu Hause tun? Hat er ihnen nicht zugetraut, eine Pappschachtel zu öffnen? Und falls ja, warum nicht? Die Aussage ist mindestens als dubios zu bezeichnen: Denn wohl kein menschliches Kind, egal wie bildungsfern es aufgewachsen ist, wäre im Alter von sechs Jahren nicht in der Lage und willens, einen Karton zu öffnen geschweige denn damit zufrieden, mit diesem lediglich zu spielen. Die Frage, die sich uns an dieser Stelle stellt: Ist jemand, der Kindern in Äthiopien implizit grundlegende intellektuelle Basis-Fähigkeiten abspricht, der richtige Mann für den Vorsitz der OLPC-Organisation? Oder liegt dieser Aussage nicht ein latenter Kulturalismus zugrunde?

Darüber hinaus finden sich weitere Unstimmigkeiten: Dass die Kinder aus Wonchi und Wolonchete noch nie irgendwelche Schrift gesehen haben, wagen wir stark zu bezweifeln — Wonchi liegt circa 140 km westlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und 24 km südlich von Ambo, einer Kleinstadt mit Grundschule, High School und Universität. Der direkt neben Wonchi gelegene Kratersee ist touristisch erschlossen, im Netz kann man entsprechende Touren buchen. Auf den Fotos im Artikel von Negroponte erkennt man zwar, dass die Dörfer sehr arm und ländlich sind, seine Bewohner tragen aber Hosen, Hemden und Schuhe – sie laufen keineswegs, überspitzt formuliert, im Lendenschurz oder gar barbusig umher. Wir sprechen also nicht von mittlerweile zum Klischee geronnenen Einwohnern aus zivilisatorisch abgelegenen Amazonas-Dörfern, die tatsächlich bis heute kaum Kontakt mit westlicher Kultur hatten. Es ist daher unserer Meinung nach in höchstem Grade zweifelhaft, dass die Kinder aus Wonchi noch nie Druckwerk, Straßenschilder oder bedruckte Verpackungen gesehen haben.

Für uns ergibt sich folgendes Bild: Negroponte und das OLPC-Projekt haben hier mutwillig Fakten gefälscht und sich gar unterschwellig rassistischer Vorurteile bedient, um die ganze Geschichte reißerischer klingen zu lassen — und das auf dem Rücken der Kinder, um die man sich vorgeblich kümmern möchte. Man muss in dem Zusammenhang deutlich sehen, dass das OLPC-Projekt auf Öffentlichkeit in den Medien setzt, um Spenden zu sammeln. Da machen sich Geschichten von der segensbringenden Gadgetkultur als Beitrag zur Entwicklungshilfe natürlich gut.

Journalisten als Schafe

Leider blieb es nicht bei dem Missstand der zurecht gebogenen Wahrheit: In den vergangenen Tagen haben zahlreiche nationale und internationale Blogs und Online-Magazine die Geschichte aufgegriffen und teils gänzlich unreflektiert übernommen oder, schlimmer, noch weiter aufgebauscht — so mussten wir lesen, dass die betreffenden Kinder in ihrem Leben noch nie Glas gesehen hätten und gar nicht wüssten, was Strom sei. Der Tenor blieb dabei derselbe: Ach, was ist es erstaunlich, dass die kleinen Äthiopier ja gar nicht so doof sind wie angenommen und uns fast ein bisschen ähnlich sind.

Abgesehen davon, dass uns bei der Lektüre dieser Artikel in den letzten Tagen ohnehin schon fast das Frühstück wieder hochkam, stieß uns noch übler auf, dass allen Texten eine Art wohlwollende Bewunderung innewohnte und vermutlich auch die Überzeugung, man würde mit der Meldung etwas Gutes und Humanes berichten. Das Gegenteil ist der Fall: Hier werden rassistisch-kulturalistische Klischees perpetuiert. Das eingangs geforderte Fingerspitzengefühl, die nötige Reflektion und auch ein wenig Recherche-Arbeit fanden nicht statt. Und das finden wir fast noch schlimmer, als das, was OLPC möglicherweise an PR-Unsinn in die Welt setzt.

Daher hier noch einmal der dringliche Aufruf an unsere Kollegen in aller Welt: Bevor ihr solche Artikel, wie geschehen, veröffentlicht, lehnt euch doch beim nächsten Mal noch einmal kurz zurück, recherchiert ein wenig, lest euch den fertigen Text durch und überlegt euch ganz genau, ob der Mist, der euch da angrinst, wirklich eurer Sicht der Welt und der Menschen entspricht. Ich möchte mir nämlich einfach nicht vorstellen, dass ein Gros meiner Berufsgenossen ernsthaft glaubt, dass Kinder in Äthiopien per se weniger intelligent sind als anderswo.

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